_____ABOUT CARLOS_______________INTERVIEW_____
Windkanal
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Interview
Carlos
Núñez:
Windkanal
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Schon
früh begann er, Musik zu machen. Von der legendären Folk Band The
Chieftains als
Dudelsackspieler entdeckt, begleitete er das Ensemble auf Tourneen nach Europa,
Japan, Australien und die USA, nahm mit ihnen drei CDs auf und spielte auf
seinen Reisen auch mit vielen anderen bekannten Künstlern. Seine eigenen,
vielfach und hochkarätig preisgekrönten CD-Projekte verbinden verschiedene
musikalische Stile und erkunden neue Wege vom Folk zum Pop Rock in Verbindung
zur keltischen Musik. Neben dem Dudelsack verwendet Carlos regelmäßig auch
verschiedenste Längsflöten sowie die Blockflöte, welcher er durch seine
unverwechselbare Spielart einen Platz in der
Popmusik
eroberte. Heute tourt er mit seiner Band durch die Lande, arbeitet an einem
neuen Album sowie an seiner DVD und spielt als Solist mit dem London
Symphony Orchestra den
Soundtrack für den neuen Film eines der bekanntesten Regisseure Spaniens ein.
Windkanal:
Was
ist deine erste musikalische Erinnerung?
Carlos
Núñez: Man
sagt, ich sang schon in der Wiege. Aber ich glaube, dass ich da höchstens mit
Stil schrie. Nun, ich selbst kann mich an ein Bild in einem alten Familienalbum
erinnern, welches einen Mann mit einem Instrument zeigt. Mein Vater erklärte
mir, das sei mein Großvater, der als Musiker eine Blaskapelle leitete und
andererseits auch eine Kuhherde hatte. Diese Mischung zweier Berufe war
seinerzeit im ländlichen Galizien nicht unüblich. Immer, wenn seine Kühe an
den Bergen weideten, saß er unter einem Baum und machte Musik. Mit dreißig
Jahren ging er wegen der Musik nach Brasilien,
verschwand dort und kehrte nie zurück. Diese Geschichte hat mich als
Kind mächtig beeindruckt.
Wie
an eine große Sensation erinnere ich mich auch an die Melodien der
Kirchenglocken meiner Heimatstadt Vigo. In Galizien sowie in allen keltischen Ländern
pflegen wir zu sagen, dass alles miteinander verbunden ist. Also: Vom
Windkanal:
Die
von dir erwähnten Glocken läuten also nicht einfach so, sondern da gibt es
eine besondere Spielart, vergleichbar dem Carillon?
Carlos
Núñez: Und
da hörst du nicht nur Melodien! Später entdeckte ich darin richtige
Glockenrhythmen, alten Tanzrhythmen vergleichbar, wie einer Irish
Jig.
Da gibt es richtige Nachrichten-Codes. Diese werden als Signale verwendet, die
verkünden, dass ein Fest beginnt oder jemand gestorben ist. Als ich das erste
Mal ein Musikinstrument in die Hände bekam, habe ich genau diese Signale,
kodierten Rhythmen und Melodien auf einer kleinen Blockflöte nachgemacht.
Windkanal:
Wie
kamst du an die Blockflöte? Ist sie ein übliches Instrument in Galizien?
Carlos
Núñez: In
einer besonderen Art schon. Heute lernt ein jeder bei uns in der Schule die
Blockflöten
Windkanal:
Warum
hast du dann selbst nicht auch mit der Pito begonnen, die doch direkter mit der
traditionelle galizischen
Volksmusik verbunden ist?
Carlos
Núñez: Als
Kind hatte ich kein solches Instrument. In der
Schule habe ich mit einer Plastikblockflöte aus
Der
Duft dieser Holzflöte trieb mich förmlich vorwärts. Mit meinem Blockflötenlehrer
spielte ich dann viel traditionelle galizische Musik und ebenso die Musik des
Mittelalters, wie die Cantigas
de Santa Maria.
Zunächst nach dem Gehör, dann aber von Noten ab.
Carlos
Núñez: Ich
habe instinktiv weitergemacht. Aber in der Tat: Damals begann damit für mich
ein dauernder
Als
ich mit zehn ans regionale Konservatorium kam, fragte mich eine Dame, warum ich
denn unbedingt mit diesem offensichtlich einfachsten aller Instrumente
weitermachen wolle. Ich war von diesem Satz völlig schockiert, bestand aber auf
meinem Wunsch und war überzeugt, dass „dieses Ding“ ein „richtiges
Instrument“ und absolut gleichwertig zur Querflöte oder dem Klavier ist. Ich
war sicher, dass ich Recht hatte. Es war einfach „mein Instrument“ und
basta. Aber mir wurde nur gestattet, dort in den Gaita-Unterricht
zu gehen. Mit der Blockflöte musste ich alleine weitermachen. Ich bestellte
also Noten aus Deutschland: Barockmusik – damals schwer zu bekommen. Und ich
spielte halt weiter Mittelalter aus Spanien, wie aus dem Martin Codax, die Cantigas
de Amigo und
von Alfonso X …
Windkanal:
Es
war wohl schwer, auf der Blockflöte ohne einen Lehrer weiterzukommen.
Carlos
Núñez:
Klar. Vor allem, als ich mit der Gaita
ziemlich
bekannt wurde und sich niemand um meine
Da ich immer noch zur Schule musste, bedeutete das acht Mal monatlich Zugfahren. Ich brauchte für die Stecke jedes Mal 9 Stunden. Ich nahm den Nachtzug und pennte auf der Fahrt. Dort hatte ich zum ersten Mal einen „richtigen Blockflötenlehrer“ – er hieß Mariano Martin. Er brachte mir nicht nur bei, ein Musiker zu sein, sondern ein Künstler zu werden. Das heißt, nicht nur perfekt im Englischen oder Französischen Stil spielen zu können, sondern das Publikum zu rühren und mit ihm zu kommunizieren. Er hat es stets respektiert, dass ich nebenbei mit dem Dudelsack auf die Bühne ging und die Blockflöte mit den Fingern eines Gaita-Spielers traktierte
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„Beim
Dudelsack klingt immer ein
Bordunton mit. Das heißt, er ist erdverbunden. Alles was musikalisch passiert,
hat Kontakt zur Erde. Mit der Blockflöte kannst du dich losmachen und fliegen
wie ein Vogel. Du kannst dieselbe Musik spielen, aber das
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Windkanal:
Inwiefern
beeinflusst der Dudelsack das Fingerspiel?
Carlos
Núñez:
Bei einem Dudelsackspieler geschieht rein alles über die Finger:
Tonrepetitionen, Verzierungen
Windkanal:
Das
lässt mich an Jacques Hotteterre le Romain denken, der die Dudelsack-ähnliche
Musette
Carlos
Núñez:
Das entspannte mich völlig, weil es eben doch dem Eindruck widersprach,
dass traditioneller

Windkanal:
Und
da hast du dich beruhigt entschlossen, nunmehr die Blockflöte wie einen
Dudelsack zu spielen!
Carlos Núñez: Von da an spielte ich auf der Blockflöte meine eigene keltische Musik: ziemlich viel im Legato, aber eben auch verschiedenste historische Artikulationstechniken hineingemischt. Das Ergebnis war ein ausdruckstarker Blockflötensound. Und da kam noch etwas anderes hinzu. Der Dudelsack ist ein lautes Instrument, nicht die Blockflöte. Aber du kannst sie leicht mit einem Mikrofon laut machen. Ich war das eigentlich schon von Kindheit an gewohnt, weil ich in einem Spielkreis mitspielt habe, der viel herumgereist ist, um die Leute wieder mit der traditionellen Musik vertraut zu machen.
In
keltischer Musik ist es total normal, ein Mikro zu benutzen. Das erst Mal, als
ich meine Blockflöte verstärkt habe und damit öffentlich aufgetreten bin –
ich mag so 12 Jahre alt gewesen sein – hat allen den Eindruck vermittelt, das
sei ein Riesen-Instrument. Nach einiger Zeit lernte ich, wie man mit einem Mikro
leicht mehr Dynamik machen kann als sonst, und es selbst als Instrument
anzusehen. Meine späteren Lehrmeister
Windkanal:
In
traditionell irischer Musik ist ja von Haus aus kein Platz für die Blockflöte.
Jeder würde statt ihrer eher die Whistle nehmen.
Carlos
Núñez:
Ich spiele auch viel Whistle. Aber ich mag die Blockflöte viel zu sehr
und könnte mich nie von ihr
verabschieden. Sie ist mein persönlichstes Instrument. Deswegen habe ich
versucht, sie in die keltische Musik einzubeziehen und mir wurde auch bald
bewusst, dass dies etwas Neues war. Mir wurde dabei schnell deutlich, dass
Blockflöten einige Möglichkeiten bieten, die Irish Flutes nicht haben. Zunächst
war alles nur Intuition. Während der Konzerte wechselte ich von einer Flöte
zur anderen: von einer Low Whistle zur Tenorblockflöte, von einer Okarina zur
Sopranblockflöte … Es ist aber einfacher, einen Irish Reel mit der geraden
Griffweise auf einer Tin
Whistle zu
spielen. Auf der Blockflöte hättest du Griffverbindungen, die nicht so schnell
sind. Es ist einfacher, typische Verzierungen auf der Whistle
zu
machen. Allerdings spielt sich galizische Musik viel besser auf der Blockflöte.
Da hast du diese Mischung aus keltischer Musik und lateinamerikanischem
Melodieempfinden. Außerdem ist die Whistle
durch
viele gute Spieler schon ziemlich „entdeckt“. Verwendest du die Blockflöte,
dann hast du einen eigenen Bereich
Windkanal:
Wie
hat das Wesen der Blockflöte deine eigene Musik beeinflusst?
Carlos
Núñez:
Ich mische verschiedene Sachen aus der Blockflötenwelt mit hinein. Zum
Beispiel ist es ja ganz normal, in alter italienischer Musik mit schneller
Doppelzunge zu spielen. Das ist es aber nicht im traditionellen Irland! Es ist
unglaublich, was dabei herauskommt, wenn du die Irischen Triolen mit der
Doppelzunge beschleunigst: de-ge-de, de-gede … Spielst du Folk-Musik auf der
Blockfl öte, kannst du Alternativgriffe verwenden und so neue Verzierungen
erfinden. Auf der Whistle hingegen gibt es nur eine Griffweise: Du kannst höchstens
mal ein Loch halb decken, aber du würdest selten Gabelgriffe verwenden. Die
beste Grundtonart auf der Gaita
ist
H-Dur. Wenn du dem gut auf der Blockfl öte hinterherkommen willst, nimmst du am
besten eine Flöte in 415Hz.
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„Mit
zehn Jahren fing ich mit dem Dudelsack an, der Gaita, dem in Galizien am meisten
gebräuchlichen traditionellen Instrument.“
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Windkanal:
In
Mitteleuropa gehört die wieder entdeckte Alte Musik fast zum Alltag. Beinahe
ein jeder erkennt
Carlos
Núñez:
In allen Ländern mit einer großen Vergangenheit in klassischer Musik
ist die traditionelle Musik
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Windkanal:
Vielfach
wird die Blockflöte immer noch als ein einfaches Instrument für den Anfängerunterricht
Carlos
Núñez:
Ganz einfach: Es ist immer so, dass mir die Leute dann sagen: „Wir
lieben dieses Instrument!“
Die
Blockflöte ist schon ein ziemlich persönliches, intimes Ding. Mat Molloy und
Paddy Moloney – beide große Spieler auf der Irish Flute – waren auf Anhieb
erstaunt über die Blockflöte. Und als ich mit den Chieftains
nach
Kuba ging, um Ry Cooder zu treffen (bevor er das Buena
Vista Social Club-
Projekt gemacht hat) – was spielte ich: Blockflöt natürlich!
Ich habe sogar Tango darauf in Argentinien gespielt, und die Leute haben es
gemocht. Ich habe auf der Blockflöte in Amerika mit vielen bekannten Rock’n
Roll Musikern zusammen gespielt, darunter Sinéad O’Connor, Roger Daltrey von The
Who,
Bob Dylan. Und kürzlich habe ich mit Montserrat Caballé und Jordi Savall
gearbeitet. Durch ein Mikrofon klingt die Blockflöte in ihrer immensen Reinheit
fantastisch und wird zu einem großartigen Instrument! Ich glaube, jeder liebt
die Blockflöte. Sie ist für alle da, sie erreicht jedes Herz.
Windkanal:
Du
hast doch gesagt – im Gegensatz zur Gaita – erscheint dir die Blockflöte
platonisch!
Carlos
Núñez:
Beim Dudelsack klingt immer ein Bordunton mit. Das heißt, er ist
erdverbunden. Alles was musikalisch passiert, hat Kontakt zur Erde. Mit der
Blockflöte kannst du dich losmachen und fliegen wie ein Vogel. Du kannst
dieselbe Musik spielen, aber das Gefühl verwandelt sich in etwas Fliegendes.
Wir
danken Susana Diaz Comellas, Antoinette van Bowen, Jens Barabasch und Fernando
Conde für ihre Unterstützung bei diesem Artikel.
Windkanal
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