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Das Interview wurde
inzwischen auch von der renommierten FolkWorld veröffentlicht
http://www.folkworld.de/38/d/nunez.html
Zur
Biografie von Carlos...
Bewahre
die Leidenschaft in Dir
Ein
Interview mit Carlos während seiner Celtic-Flamenco Tour in Deutschland über
Leidenschaft, Respekt vor dem
Alter
und Zukunftspläne…
Carlos,
1997 warst Du zum ersten mal in Deutschland auf Tournee. Inzwischen nimmt deine
Popularität auch bei uns zu, die Begeisterung für deine Musik wächst und
gewinnt auch hier immer mehr begeisterte Anhänger.
Wie empfindest Du das deutsche Publikum – sind wir wirklich so unterkühlt,
wie immer behauptet wird? Gibt es Unterschiede zu Konzerten in Frankreich,
Spanien oder auch Japan?
Nun,
zuerst muss ich sagen, dass mich die Deutschen, das deutsche Publikum, sehr überrascht
hat. Absolut. Jeder glaubt, dass
das deutsche Publikum sehr zurückhaltend wäre. Überhaupt nicht!
Ich denke, es sind sehr intelligente Leute. Es ist doch so – wenn du
dich für etwas begeistern willst, dann kannst du begeisterungsfähig sein,
vielleicht sogar mehr, als andere, wenn du das wirklich willst. Somit war das
deutsche Publikum wirklich eine Überraschung für mich.
Wie
du siehst, schaffen wir uns ein fast familiäres Publikum und genau wie in einer
Familie muss man zusammenwachsen, das braucht eben Zeit.
Aus dem gleichen Grund hat
es auch in Spanien Jahre gedauert, oder in Frankreich. Heute geben wir in
Frankreich oder Spanien große Konzerte, ebenso in Ländern wie Argentinien oder
Irland, doch all das brauchte viele Jahre.
Dies
ist keine Art von Musik, mit der man auf Anhieb Erfolg hat, mit der man auf
Anhieb eine große Popularität erreicht. Ich glaube, so ist es besser, denn
wenn Du auf Anhieb erfolgreich bist, dann hast du vielleicht ein, zwei oder auch
drei Jahre eine Menge Anhänger, doch dann ist es auch irgendwann vorbei. Das
ist aber nicht erstrebenswert. Ich
bevorzuge die Art Erfolg, an dem man ständig arbeiten muss, um ihn
weiterzuentwickeln, bei dem man das Gefühl hat, es geht ständig aufwärts. Es
wird ganz allmählich herzlicher und enger und wärmer und das ist die momentane
Situation in Deutschland.
Bei
deinen Konzerten gibst Du immer wieder Nachwuchskünstlern und örtlichen
Musikgruppen die Möglichkeit, mit dir live aufzutreten. Wie kommt diese
Zusammenarbeit zustande? Wendet man sich mit der Bitte um einen gemeinsamen
Auftritt an dich oder erkundigst du dich
nach örtlichen Künstlern oder Gruppen, die du in dein Programm integrieren
kannst?
Das
ergibt sich. Manchmal kommen wir an einem Ort an, an dem es eine Musikschule
gibt und du siehst diese jungen Musiker, die ich dann einlade, mit mir zu
spielen. Es ergibt sich einfach, das kann man nicht planen. Manchmal gibt es
auch Leute, die vorher Kontakt mit uns aufnehmen, vielleicht einen Monat vor dem
Konzert oder einige Wochen davor. Warum wir das machen? In erster Linie, um
musikalischen Nachwuchs heranzubilden, der uns in unserer Musik folgt.
Ein
Beispiel: wir laden Piper ein, mit uns zu spielen… in Frankreich, in Spanien,
in Deutschland… an vielerlei Orten, auch in Japan. Und dann, Schritt für
Schritt, entstehen Pipebands. Wenn wir heute nach Sevilla, Barcelona oder Madrid
kommen, gibt es da jede Menge Pipebands, ebenso wie in Frankreich und ich hoffe,
auch bald in Deutschland. Sogar in Tokio – es gibt eine
Pipeband in Tokio und sie haben dort sogar auch Gaitas. So läuft das.
Wenn
wir solche Leute einladen, mit uns zu spielen….. das erinnert mich immer
daran, wie es mir mit den Chieftains erging. Sie luden mich ein, mit ihnen zu
spielen, als ich ein Junge war, ein Jugendlicher. Solche Augenblicke geben dir
so viel Enthusiasmus. Daher glaube
ich, dass es sehr wichtig ist, diese Möglichkeit zu geben, insbesondere jungen
Menschen. Das ist für uns die Motivation, das zu tun.
Wie sehr hat die frühe Begegnung mit den „Chieftains“ und die enge Zusammenarbeit mit ihnen deine musikalische Entwicklung beeinflusst? Hättest du ohne sie mehr die klassische Musikrichtung eingeschlagen?
Nun,
von Anfang an habe ich zwei Musikrichtungen parallel zueinander verfolgt – die
klassische Ausbildung und die traditionelle Musik. Ich war immer davon überzeugt,
dass es da eine Verbindung gibt. In Galizien, in meiner Heimat, sehen wir die
Dinge einfach so. Es gibt nicht diese Trennung zwischen klassischer und
traditioneller Musik. Jeder wusste, dass ich auf dem Konservatorium und
gleichzeitig an einer klassischen Musikschule sein konnte. Mit einem Klavier
oder mit einem Orchester aufzutreten – egal, da gab es einfach keinen
Unterschied. Vielleicht wird in Ländern wie Deutschland mehr unterschieden,
hier werden die Dinge sehr getrennt. Klassik ist Klassik, Rock ’n Roll ist
Rock ’n Roll, Volksmusik ist
Volksmusik. Nicht so in Galizien und das ist sehr wichtig.
Ja,
die „Chieftains“ zu treffen war sehr wichtig. Warum? Die „Chieftains“
gaben mir die Möglichkeit, das Handwerk zu lernen. Um als Musiker erfolgreich
zu sein, musst du einfach das Handwerk erlernen, genau wie ein Arzt, ein
Rechtsanwalt… Es ist wie in jedem anderen Beruf auch, man muss lernen, wie der
Job funktioniert, hinter die Geheimnisse des Berufes kommen. Manche Dinge lernt
man auf dem Konservatorium und manche Dinge lernt man aus der Tradition. Und dann
sind da die Geheimnisse, wie man eine Show entwickelt, wie man mit
traditioneller Musik verzaubert, Musik, die die Leute normalerweise nicht
unbedingt mögen. Man muss lernen, wie man diesen Spagat hinbekommt. Das
bedeutete für mich dieses Zusammentreffen mit den „Chieftains“ – dieser
besondere Glücksfall, der einem nur selten wiederfährt. All das habe ich von
ihnen gelernt.
Wer
schon öfter in deinen Konzerten war, dem fällt auf, dass dein Programm jeden
Abend variiert, du nie genau die selben Stücke spielst. Triffst du deine
Titelauswahl willkürlich oder wonach entscheidest du, was abends zu hören sein
wird?
Na ja, wenn du weißt, dass du auf Tournee gehst… also während einer Tour
haben wir normalerweise nicht die Zeit, viel zu verändern. Jeder von uns ist
extrem müde. Auf Tour zu gehen ist so ähnlich wie eine „Tour de France“ zu
bestreiten, es ist eine langwierige Sache, ein ständiger Kampf gegen den
inneren Schweinehund.
Wenn
du 30 Konzerte hast, jeden Abend eines … wow… das ist eine ziemlich harte
Sache. Und gleichzeitig versuchst du, nebenbei noch alles Mögliche andere zu
tun. Wenn wir auf Tour sind, bereiten wir gleichzeitig unser nächstes Album
vor, ich bereite meine nächste Reise nach Brasilien in der kommenden Woche vor,
wir bereiten ein Konzert in Havanna vor, das für das Fernsehen aufgezeichnet
wird und wir arbeiten gleichzeitig daran, was in den kommenden Jahren
„on the road“ passieren wird. Also ist alles eine Frage des
Durchhaltevermögens. Man muss Körper und Geist trennen können. Manchmal weißt
du gar nicht, in welcher Stadt du gerade bist, wie sie heißt, denn dein Kopf
ist ganz woanders. Hier zu trennen, ist ungemein wichtig.
Normalerweise
stelle ich bei einzelnen Konzerten das Programm kurz bevor ich auf die Bühne
gehe zusammen. Ich sehe immer durch einen kleinen Spalt hinter dem Vorhang ins
Publikum und schnuppere ein bisschen, um mich inspirieren zu lassen. Und dann
stelle ich das Programm zusammen, zwei, drei Minuten, bevor ich auf die Bühne
gehe. Doch dies hier ist eine Tour und alles läuft etwas mechanischer ab. Bei
einzelnen Konzerten hast du immer die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen.
Gibt
es eine Art Ritual, eine bestimmte Routine, mit der Du Dich auf ein Konzert
vorbereitest?
Also so ähnlich wie Fußballer vor einem Spiel?
Ja,
so ähnlich.
Somit
ist die Dusche für mich ein Augenblick der Konzentration, aber auch der
Inspiration. Die Dusche am Morgen
ist für mich ungemein wichtig…. Dein Körper ist noch nicht wach… also, was
ich sagen will… man befindet sich in einem Zustand zwischen Traum und Realität.
Ein wirklich interessanter Moment. Unter der Dusche hast du wirklich verrückte
und künstlerische Ideen.
Du
bist einer der wenigen Künstler, die nach dem Konzert
fast immer für Autogrammwünsche und Gespräche zur Verfügung stehen.
Wie wichtig ist dir der Kontakt zu deinem Publikum, das Feedback der Konzertbesucher?
Sehr,
sehr wichtig. Wie du weißt, rede ich immer mit den Leuten. Ich bestehe darauf,
obwohl es bei Touren wie dieser sehr
schwer ist, weil jeder von uns sehr erschöpft ist. Und dennoch spreche ich nach
jedem Konzert mit den Leuten, denn ich versuche, durch ihre Augen zu sehen, mit
ihren Ohren zu hören. Ich versuche, von ihnen zu lernen, denn jedes Land ist
anders.
Momentan
bereite ich das brasilianische Album vor. Heute kenne ich die Brasilianer, doch
als ich noch vor einem Jahr vor einem brasilianischen Musiker stand, wusste ich
nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Bei jedem Konzert, in jedem Land, gibt es
Dinge, die in der Vorstellungskraft der Menschen funktionieren und Dinge, die
nicht es eben nicht tun.
Wenn
ich etwas Bestimmtes zu einem Franzosen sage, oder zu einem Bretonen, oder einem
Schotten… wird diese Person verstehen und darüber sind wir glücklich. Jeder Mensch ist anders und jedes Land ist anders, also ist
das meine Art, von jeder Kultur zu lernen. Heute weiß ich besser, wie die
Deutschen sind, wie ihr seid, doch noch vor ein paar Jahren hatte ich keine
Vorstellung davon. Du weißt einfach nicht, wie weit du gehen kannst, weißt du?
In Japan sind die Grenzen andere als hier und in Spanien sind sie anders als
dort. Also ist das meine Art von euch zu lernen – mit den Menschen nach den
Konzerten zu sprechen.
2004
bist du im Rahmen des Irish Folk Festival unter anderem auch in der Peterskirche
zu Leipzig aufgetreten, der früheren Wirkungsstätte von Bach, dessen Musik du
besonders verehrst. Wie war es für dich, dort zu spielen?
War etwas von der „Aura“ des großen Meisters zu spüren?
Absolut!
Das war ein unglaubliches Gefühl, denn es war eines der ersten Konzerte, in
denen ich Bach live in der Öffentlichkeit spielte und es war Musik mit dem
Dudelsack. In der „Peterskirche“ hatte ich das Gefühl, dass alles stimmte
– die Musik… der Dudelsack passte und die Leute passten. Das Publikum
erschien mir wie Bachs Nachkommen.
Sein Name schwebte über allem und die Leute sahen, nur ein paar wenige
Generationen davor, zu ihm auf. Und ich spürte all’ diese Dinge und dachte
„Ja, das ist es. Wir hauchen einem ganz besonderen Geist wieder Leben
ein.“
Für
mich liegt in Bachs Chorälen ein großes Geheimnis. Hinter der Struktur von
allem steckt eine starke Metrik in der Musik, eine sehr klassische Struktur des
Rhythmus. Und allem liegt viel älteres
Material zugrunde: Melodien, die aus einer sehr weit zurückliegenden Zeit
stammen. Durch dieses alte Material, das Bach versuchte, in seinen Chorälen zu
verarbeiten, entstand der Rhythmus, um diese Polyphonie, die Vielstimmigkeit zu
erreichen, wodurch einfach alles zusammenpasst.
Was
ich zwischen den Zeilen sehe ist eine sehr alte Musik, die alte deutsche Musik.
Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dem Dudelsack dieser alten deutschen Musik,
die es damals gab, wieder Leben
einhauchte. Ich habe auch den Eindruck, dass
wir in Galizien heute Dinge haben, die früher in Deutschland ebenfalls
existierten. Also fühlte ich, dass ich hierher kommen sollte und ich fühlte
mich zuhause. Und ich fühlte, dass die Menschen ebenso hierher kommen mussten,
um sich zuhause zu fühlen.
Du
und Xurxo seid musikalische
Mulitalente, die immer wieder durch ihre Vielseitigkeit auf den verschiedensten
Instrumenten beeindrucken. Wurde in eurer Familie viel musiziert? Spielen eure
Eltern oder eure Schwester Helena ebenfalls
Instrumente? Und wer hat euch an die Musik herangeführt?
Nun,
das ist eine Geschichte, die mit unserem nächsten Album, dem brasilianischen
Album, zu tun hat. Wir haben einen Urgroßvater, der Musiker war. Er spielte
dieses Blasinstrument – Bombardino oder Euphonium - so ähnlich wie eine
kleine Tuba. Er spielte in Brassbands, in diesen Brassorchestern, die damals
sehr populär waren. Das war vor etwa hundert Jahren und er war also unser Urgroßvater.
Seine ganze Familie bestand aus Musikern.
Dann
wanderte er nach Brasilien aus, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, denn
Galizien war sehr arm damals. Für Musiker war es in unserem Land alles andere
als einfach. Er ging also nach Brasilien und plötzlich hieß es, er wäre aus
Eifersucht umgebracht worden. Doch das kann ich mir nicht vorstellen. Es hieß,
ein anderer Musiker, der auf ihn eifersüchtig war, hätte ihn getötet. Ich
denke, er ging einfach nach Brasilien und blieb dort.
Von
diesem Moment an war Musik in unserer Familie sozusagen tabu, es gab keine
Musiker mehr. Mein Großvater war Geschichtslehrer,
sehr kultiviert, sehr intelligent. Mein Vater ist Künstler, Graphiker,
und auch Publizist, und in der nächsten Generation, mit Xurxo, mir, meinen
Cousins, kehrte die Musik in meine Familie zurück. Also… ja… ich denke,
Musik liegt uns irgendwie im Blut, auch wenn es da diese Geschichte gab, die
Musik plötzlich zu etwas Schlechtem machte und niemand mehr darüber sprach.
Mit unserem nächsten Album gehen wir also nach Brasilien, um auch unseren Urgroßvater
zu finden.
Du
hast kürzlich in Brasilien an deiner neuen CD gearbeitet. Worauf können wir
uns freuen und wann soll sie erscheinen?
Mal
sehen… Die Sache ist die, wir wollen natürlich ein tolles Album machen und
investieren eine Menge Zeit und Geld in das Projekt, denn ich bin davon überzeugt,
dass es fantastisch wird. Brasilien hat viel von uns, von Europa, von Galizien.
Sie haben sich dort in gewisser Weise eine Art Mittelalter bewahrt, das uns
verloren gegangen ist. Sie habe da immer noch diese bestimmte alte Art,
Instrumente herzustellen, die Art zu singen.
Also
gehen wir nach Brasilien, um unseren Urgroßvater zu finden und auf diesem Weg
auch uns selbst in Brasilien zu entdecken, unsere Zukunft. Und die Verbindung,
die wir zum Flamenco, zur lateinamerikanischen Musik schaffen, zu den
Brasilianern, all das haben sie schon vor Jahren getan.
In
deiner Heimat Spanien, aber auch in Frankreich oder Japan bist du ungeheuer
populär, trittst in wesentlich größeren Arenen als bislang noch in
Deutschland auf. Bevorzugst du die
großen Hallen oder ist gerade die Nähe zum Publikum und die Intimität der
kleinen Konzerthäuser oder auch Kirchen besonders reizvoll? Spürt man die
Reaktionen des Publikums direkter?
Alles ist gut. Es ist nur anders, es ist so, als würde man verschiedene Früchte miteinander vergleichen wollen… oder… was ist besser: Weißwein oder Rotwein? Es ist einfach anders.
Also eine Frage der Einstellung?
Ja,
so ähnlich wie die Leute, die ein großes Auto bevorzugen oder eben lieber ein
kleineres. Wenn du auf eine Safari gehst, aus
welchem Grund sollte man da einen Mercedes wählen? Auf einer Safari braucht man
ein passendes Auto. Wenn Du zu einer Feier gehst, ziehst du dich elegant an, wählst
die entsprechende Kleidung.
Um
in einem Fußballstadion zu spielen, musst du viele Geheimnisse lernen, damit
die Show an so einem riesigen Ort funktioniert. Du musst anders spielen als in
einer kleinen Halle. Wenn ich in Spanien erzähle „… in Deutschland
spielen wir in Kirchen und die Leute können dort etwas trinken, manchmal haben
sie Bier oder sie feiern und tanzen in der Kirche… dann sagen die Leute …
unglaublich, so etwas wollen wir hier auch haben. Ist es nicht zu kalt? … Und
ich antworte, manchmal ja, manchmal nein, denn im Winter haben sie dort
Heizungen. …. Unglaublich, nicht zu fassen….“
Das
ist ein neues Konzept und zudem sehr interessant. In Deutschland haben wir
gelernt, wie man in Kirchen spielt, denn die Akustik ist sehr unterschiedlich.
Du kannst also nicht mit den selben Instrumenten spielen, du musst wegen der
gegebenen Akustik langsamere Stücke wählen. Aber letztlich ist alles gut,
alles macht Spaß. Es ist nur anders.
Einen
großen Teil des Jahres bist du auf Tour, bereist weltweit
die unterschiedlichsten Länder. Welches Land fasziniert Dich mit seiner
Kultur und seinen Menschen am meisten?
Jedes
Land ist anders, jede Kultur hat ihre Kenntnisse, ihren Erfahrungsschatz. Wenn
du in Ländern wie Japan auftrittst, weißt
du,
dass in allem eine Botschaft steckt. In Japan verehren sie die alten Menschen,
sie verehren ihre alten Meister. Wenn sie einen hundertjährigen japanischen
Weisen sehen, fragen sie „Meister,
bitte Meister, sag uns, was du hierüber
denkst“ Und sie hören ihrem
Meister zu, denn er ist derjenige, der über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt.
In anderen Ländern wollen sie keine Meister, dort sind nur junge Leute
gefragt. Es ist also sehr verschieden. So ist Japan also in dieser Hinsicht sehr
interessant.
Aber
auch Lateinamerika ist
faszinierend, es ist wie eine geheime Welt.
Sogar Nordamerika ist faszinierend, wenn du siehst, dass die Leute auf
eine Art leben, die du dir nie vorstellen konntest… dieses Gefühl von
Freiheit. Ich denke, es ist einfach unterschiedlich und du kannst überall
Paradiese finden.
Vielleicht
sind die Orte von besonderer Magie, die fernab der großen Städte liegen,
fernab des Trubels. Die großen Städte … Paris, London, New York… sie
strahlen diese Vitalität aus und dann gibt es da diese Orte weit weg von all
dem, manchmal Orte am Meer, aber abgeschieden und still. Und dieses Gefühl …
die Brasilianer nennen das „Sertão“,
was soviel wie Wüste bedeutet. Ein Ruhepol fernab
des Trubels. Manchmal leben die Menschen in solchen Paradiesen. Es gibt
viele davon auf der Welt. Wenn du dich an einem solchen Ort befindest, das ist
einfach….
Du
hast schon mit unzähligen Künstlern und Musikern von internationalem Rang
zusammen gearbeitet. Welche Begegnung, welcher Künstler hat dich am meisten
beeindruckt – sowohl menschlich als auch künstlerisch - und gibt es jemanden,
mit dem du unbedingt noch mal gemeinsam auf der Bühne stehen möchtest?
Mich
beeindrucken besonders Menschen mit Lebenserfahrung. In erster Linie Compay
Segundo. Er war achtundneunzig und hatte eine Freundin, die vierzig war. Oder
die Chieftains…
Manchmal
triffst du Musiker, Künstler, die zwar eine Menge Erfolg haben, doch du denkst
„ok, du bist zu jung, für mich bist du noch zu jung“.
Es ist wie bei Picasso – wenn du dir den 30jährigen Picasso ansiehst,
dann war das nicht der selbe, der er mit siebzig war. Das ist doch der Picasso,
den wir heute lieben - der
unsterbliche Picasso, voller Erfahrung.
Ich
mag auch die Picassos der Musik. Menschen, die noch einen wachen Geist haben,
denen aber vielleicht schon die Schnelligkeit und Beweglichkeit fehlt, doch das
Wichtigste kommt doch von innen. Und natürlich wird jemand mit sechzig Jahren
besser spielen als zu der Zeit, als er zwanzig war.
In Argentinien heißt es „um Tango singen zu können, muss man alt sein“, denn wenn es dir an Lebenserfahrung fehlt…. oder anders ausgedrückt … um Tango zu singen, musst du im Leben gelitten haben.
Dann liegt mehr Emotion in allem…
Genau!
Sieh mal, es gibt Künstler, die sind erst dreißig, aber sie haben
dieses Strahlen in den Augen, dieses Feuer verloren. Irgend etwas ist passiert,
was sie die Hoffnung verlieren ließ, die Hoffnung in die Musik, die Hoffnung in
das Leben.
Viele
Menschen leben zwar, sie gehen ihren Berufen nach, doch ihnen ging diese
besondere Energie verloren. Und wenn ich dann einen alten Musiker treffe, der
sich dieses spezielle Feuer, diese Leidenschaft bewahrt hat …. das ist einfach
fantastisch! Das ist etwas, das
mich sehr beschäftigt: pass auf, verliere nicht das Feuer, bewahre dir deine
Leidenschaft. Das ist sehr wichtig. Also bevorzuge ich mehr den Musiker mit
sechzig Jahren Lebenserfahrung als denjenigen, der erst zwanzig ist.
Gibt
es etwas, was du deinem deutschen Publikum, deinen deutschen Fans sagen möchtest?
Vielen
Dank, dass ihr hier seid, jedes Jahr auf uns wartet. Ich weiß, dass wir in den
letzten Jahren jedes Jahr herkommen und die Leute fragen mich manchmal
’Carlos, du kommst oft ’ und ich antworte dann „ ja, wir
nehmen diese Anstrengung auf uns, jedes Jahr
hierher zu kommen, weil dies die einzige Möglichkeit ist, zu einer
Familie zusammenzuwachsen.“
An
Orten, wo wir bekannter sind als hier, wie Spanien zum Beispiel, trete
ich nicht jedes Jahr in der selben Stadt auf. Vielleicht einmal alle drei, vier
Jahre. In Madrid spiele ich vielleicht alle vier Jahre. Oder in Vigo, wo ich
lebe, gibt es nur ein Konzert in drei Jahren. Aber manchmal ist es eben auch schön,
noch etwas unbekannter zu sein.
So
habe ich also für den Moment Ideen und Arbeit für die nächsten Jahre, doch
das Problem ist, dass mir die Zeit fehlt. Aber
Ideen habe ich noch viele….
Carlos,
herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch und die Zeit, die du dir vor
deinem Konzert hier in Lörrach heute Abend genommen hast.
c) sf 2008