Carlos beim 35. Tonder-Festival 2009

Ein Konzert- und Festivalbericht….


Tonder. Dänemark. Nur ein kurzer Sprung über die deutsche Grenze zu einem der größten Folk-Festivals in Europa. Gehört hatte ich schon viel von Tonder, von der tollen Stimmung, der besonderen Atmosphäre, dem einmaligen Aufgebot an Musikern, die sich dort jedes Jahr Ende August ein Stelldichein geben und dem kleinen dänischen Städtchen einen Hauch von Weltoffenheit verleihen, es für 4 Tage zum Nabel der Folkmusikszene in Europa machen.

In diesem Jahr, zum 35. Geburtstag des Tonder-Festivals,  gehörte auch wieder Carlos mit seiner Band zum Line Up der Künstler und  so war es für mich Grund genug, diesen Auftritt endlich zum Anlass zu nehmen, um mich Richtung Dänemark aufzumachen. Tonder, ich komme…

Nachdem meine Freunde und ich in einem sehr netten kleinen Hotel nahe der dänischen Grenze (sehr zu empfehlen: die Insel-Pension in Niebüll) eingecheckt haben, geht es kurz nach unserer Ankunft weiter Richtung Tonder. Erst mal Festivalluft schnuppern, schauen, wo was ist und sich etwas umsehen. Nach knapp 20 Minuten mit dem Auto auf schnurgerader Landstraße sind wir bereits da – Völkerwanderungen an Menschen, die sich durch die beschauliche kleine Altstadt winden. Uns fallen sofort die „alten Hasen“ auf: gummibestiefelt und mit regendichter Kleidung wissen sie, wie das richtige Festivaloutfit an diesem Wochenende aussehen muss.

Und in der Tat: der Himmel verheißt nichts Gutes. Immer wieder dunkle Wolken, plötzlich einsetzende Regenschauer, die mich an den ‚Irish mist’ erinnern und die wir hier so gar nicht gebrauchen können. Dazwischen lugt aber immer wieder ein Zipfelchen blauer Himmel zwischen den grauen Wolken hervor, der uns hoffen lässt, dass es sich bessert. Zum Glück finden die Konzerte ja ohnehin in den beiden großen Zelten statt. Da zumindest werden wir trocken sitzen.

Nachdem wir per Zufall einen perfekten Parkplatz nahe dem Eingang zum Festivalgelände finden  reihen wir uns also in den Strom von Festivalbesuchern ein und  beginnen, etwas vom ganz speziellen Tonder-Feeling zu erahnen. Überall überaus freundliche, hilfsbereite Menschen, nette Helfer aller Orten und fast jeder spricht mehr oder weniger gut deutsch, auf jeden Fall aber Englisch, so dass Verständigungsprobleme erst gar nicht aufkommen.  Wir schauen uns beim Merchandising-Stand um, der aber nichts bietet, was wir unbedingt haben müssten. Gefährlicher für mich ist da schon das Angebot von Millstream Records. Spätestens hier gehen meine guten Vorsätze, nicht zu viel Geld ausgeben zu wollen, über Bord.

Neben allen CDs der auftretenden Künstler (ja, auch die „neue“ von Carlos  steht neben seinen anderen CDs fein säuberlich aufgereiht) gibt es eine Unmenge an musikalischen Raritäten, auf CD oder auch DVD gepresst, zu kaufen. Sogar eine ansprechende Auswahl an alten Vinyl-Schallplatten ist vorhanden. Entsprechend dicht belagert sind die Regale und  im Nebenraum wird sogar live Musik geboten. Ich fühle mich wie in einem irischen Pub, der Fuß will gutgelaunt unweigerlich mitwippen, während ich mich nicht von den CD-Auslagen trennen kann. Bei Millstream Records könnte ich mich schon jetzt Stunden aufhalten und muss mich wirklich bremsen, zu den bereits in die engere Wahl gezogenen CDs  nicht noch mehr hinzukommen zu lassen.  Nach schwerem Kampf siegt die Vernunft und ich belasse es bei den 3 ausgewählten Raritäten in meiner Hand.

Langsam bekommen wir Hunger und schauen uns nach etwas Essbarem um. Das Angebot an Verpflegungsmöglichkeiten ist immens und macht einen Großteil der aufgebauten Zelte aus. Verhungern kann hier wirklich niemand und die Preise sind umgerechnet human. Neben edlen Restaurants wie dem „Fiddler’s Green“, wo später die Musiker verköstigt werden und daher alles schon jetzt reserviert ist, gibt es urige Pubs, eine Vinothek, wo man eine Auswahl an Weinen und passend dazu Flammkuchen bekommen kann und ansonsten alles quer Beet, womit man Hunger und Durst stillen kann.  Schade nur, dass man wegen des durchwachsenen Wetters die gemütlich einladenden Tische und Bänke vor den Zelten nicht nutzen kann.

Wir landen zuerst in einem Pub, wo ebenfalls gerade eine live Session läuft,  und ziehen später in ein großes Verpflegungszelt um, wo an den Selbstbedienungstheken schnell und zügig abgefertigt wird. Hier, wie auch sonst überall fällt auf, wie schnell von den Helfern leer gegessene Pappteller und Becher abgeräumt und die Tische sauber gewischt werden. Zahlen kann man überall in Euro, bekommt das Wechselgeld jedoch in dänischen Kronen, wenngleich sich manche Bedienung mit dem Umrechnen schwer tut und ich das Gefühl habe, dass manchmal auch der Einfachheit halber großzügig nach oben aufgerundet wird.

Nachdem ich mich vorher bei einem der Ordner erkundigt hatte, wann der Einlass in die Zelte beginnen würde und man mir die viel sagende Auskunft gab „wenn die Musiker mit dem Soundcheck fertig sind“, beschließen wir, uns möglichst früh in die Reihe zu stellen. Es ist kurz nach 18 Uhr, das Konzert soll um 20 Uhr beginnen und vor uns warten bereits ca. 50 Leute. Klasse, hoffentlich erwischen wir noch gute Plätze, aber diesbezüglich bin ich konzerterprobt genug, um zu wissen, dass ich es nach vorn schaffen werde. 

Laut Programm soll Carlos an diesem Abend als zweiter nach der Michael McGoldrick Band auftreten, von Niamh weiß ich aber, dass sie bereits kurz nach dem Soundcheck dran sind. Also doch als erste Band?  Let’s wait and see… Während wir geduldig in der Reihe stehen und hier und da  nette Gespräche mit Mitwartenden haben, hören wir Carlos schon spielen. Der Soundcheck läuft und lässt vermuten, dass er  einige Stücke aus der neuen „Alborada do Brasil“ präsentieren wird. Ich zähle mit und komme auf 4 Titel. Ich bin gespannt, wie das live klingt, wobei ich sicher bin, dass der Sound bei Carlos’ Hang zur Perfektion CD-Qualität haben wird. Trotzdem live ist live und schief gehen kann immer etwas, was ich manchmal sogar als ganz angenehm empfinde. Wer will schon immer Perfektion?

Kurz nach 19 Uhr werden die Tore für den Einlass frei gegeben. Mich wundert, dass die Tickets einbehalten werden. Wer später das Gelände verlassen und dann wieder zurück will, bekommt eine Art Passierschein ausgehändigt, sagt man mir. Umständlich, finde ich, und für mich schade, da ich meine Konzerttickets eigentlich sammle und natürlich gern auch eines mit dem schönen Tonder-Logo der Sammlung hinzufügen würde. 

Das Zelt ist riesig, ca. 3.000 Leute fassend, schätze ich, die Bühne groß und recht hoch und durch Absperrgitter geschützt. Entgegen meiner Vermutung ist nicht nur die Tribüne bestuhlt sondern auch der Raum vor der Bühne. Ok, besser kann’s nicht laufen, auch wenn mir Stehen nichts ausgemacht hätte. Die Zeit bis zum Beginn des Konzerts vergeht rasch und pünktlich um 20 Uhr beginnt das Konzert.

Da an diesem Abend insgesamt 3 Bands auftreten, haben die Musiker exakte Zeitvorgaben. Carlos hat genau 1 Stunde für das Konzert einschließlich Zugaben und man merkt den Zeitdruck etwas.  Er startet mit  4 Stücken aus der neuen CD: Feira de Mangaio, mein abolutes Lieblingsstück Nau Bretoa, bei dem Pancho den Gesangspart im Mittelteil übernimmt, Vou Vivendo und Y-Brazil. Die Titel hören sich live absolut fantastisch an, wobei er Vou Vivendo und Feira de Mangaio ja auch bereits einige Male bei seiner Deutschlandtour im Februar live gespielt hat.

Der Sound ist tatsächlich lupenrein, was nicht zuletzt daran liegt, dass Carlos seinen eigenen Tontechniker Roque dabei hat, der sich um den perfekten Klang kümmert. Mal wieder, wie gewohnt, Musikgenuss pur! Das Publikum ist fantastisch. Man merkt, dass es ein anspruchsvolles Publikum ist, das, wenn man es so ausdrücken kann, vom Fach ist und zu schätzen weiß, was es geboten bekommt. Der Funke zwischen Musikern und Publikum zündet vom ersten Ton an und Carlos rockt sozusagen das Zelt. Es macht einfach nur Spaß.

Die strenge Zeitvorgabe macht sich dahingehend bemerkbar, dass Carlos weniger als gewohnt zwischen den Stücken moderiert, Anekdoten zum besten gibt und durch das Programm führt. Insgesamt wirkt leider alles etwas gehetzt. Vielleicht hätten die Veranstalter hier nicht auf Masse setzen, sondern den eingeladenen Künstlern mehr Zeit für ihre Auftritte einräumen sollen.  Dementsprechend schnell verfliegt die Zeit und die eine Stunde ist rasend schnell vorbei. Neben den neuen Stücken spielt Carlos einen bunten Mix aus seinem üblichen Repertoire und auch der obligatorische An Dro darf natürlich nicht  fehlen. Die Dänen sind sehr willig und es ist schon ein toller Anblick, als das ganze Zelt steht , sich an den Händen hält und zur Musik mehr oder weniger gekonnt die Arme kreisen lässt.

Zwei Zugaben erklatschen wir uns – Aires de Pontevedra und Rupert’s Mambo, bevor der Programmleiter  unweigerlich ankündigt, dass nun der Bühnenumbau für die 2. Band beginnt und Carlos draußen am Stand von Millstream Records  noch Autogrammwünsche erfüllen wird. Als wir das Zelt verlassen herrscht dort bereits ein unglaublicher Andrang – mindestens hundert Leute, die für ein Autogramm anstehen. Carlos erfüllt geduldig jeden Wunsch, hat für jeden ein nettes Wort und ein Lächeln und insbesondere für die Damen auch mal eine Umarmung und ein Küsschen bereit. Ich muss etwas schmunzeln, als ich die Szenerie beobachte und freue mich für die selig blickenden Damen, die ein Küsschen vom Meister ergattert haben und stolz ihre gerade signierte CD in der Hand halten.

Wir unterhalten uns derweil mit Pancho, während Carlos mir zwischendurch zuwinkt und signalisiert, dass er zu uns kommt, sobald er Zeit hat. Etwas Zeit zum reden und vor allem erst einmal für eine richtige Begrüßung mit allen haben wir dann aber tatsächlich erst im Restaurant, in dem die Musiker  verköstigt werden.  Ich erfahre auf Nachfrage, dass Carlos am Sonntag beim Abschlusskonzert allein spielen wird. Niamh, Pancho und Xurxo  reisen bereits am Sonntag wieder ab.

Am Sonntag treffe ich Carlos kurz vor dem Konzert wieder. Er hat keine Ahnung, was von den Veranstaltern geplant ist, wann und wie sein Auftritt ablaufen soll. Klar ist nur, dass es eine riesige Session mit allen Musikern des Festivals geben soll. „Lassen wir uns überraschen und schauen mal, wie es läuft“, sagt Carlos, bevor er sich verabschiedet, um sich auf das Konzert  vorzubereiten. „Sitzt ihr wieder vorn? Ich werde nach euch Ausschau halten“ ruft er mir noch zu, bevor er im Künstlerbereich verschwindet…

Das Line Up des Abschlusskonzertes liest sich wie das „Who is Who“ der Folkszene. Die erste halbe Stunde bestreitet die Guthro-Family, Arlo, dessen Tochter Sarah-Lee mit ihrem Ehemann Johnnie Irion und als Gast noch der Enkelsohn des legendären Pete Seeger. Ich muss sagen, dass es wirklich sensationell ist. Absolut klasse. Anschließend versammelt sich wirklich die Creme de la Creme der Folkmusikszene auf der Bühne: John McClusker, Tim O’Brien, Bruce Molsky, Bela Fleck, Abigail Washbourne,  Karan Casey, Karen Matheson,  Heidi Talbot und, und, und…

Es ist eine riesige Session von herausragenden Musikern und Sängern und alle zeichnet diese unglaubliche Spielfreude, der Spaß und die Lust an dem, was sie tun aus. Man merkt es jeder Note an, dass diese Musiker für ihre Musik leben und das Publikum dankt es mit tosendem Applaus und vielen Standing Ovations. Viele Künstler haben Soloauftritte, die sich mit gemeinsam gespielten Stücken abwechseln. Carlos ist  im 2. Teil dran und spielt  Costa de Galicia, wobei es Startschwierigkeiten gibt, da das Mikro für die Gaita nicht richtig positioniert ist und er es erst ausrichten muss.  Der Titel animiert sofort zum Mitklatschen und das ganze Zelt  macht mit. Eine tolle Kulisse.

Leider bleibt es unverständlicherweise bei nur diesem einen Titel von Carlos und ich frage mich noch mal, ob die Veranstalter hier nicht besser die Anzahl der teilnehmenden Künstler zugunsten der Auftrittsdauer Einzelner hätte reduzieren sollen. Sicher wollte man  gerade zum 35. Geburtstag des Festivals besonders viele namhafte Künstler unter einem Zeltdach vereinen, trotzdem wäre hier weniger teilweise wohl mehr gewesen.

Alles in allem war Tonder tatsächlich für mich ganz persönlich eine Entdeckung und ein Termin, den man jedes Jahr Ende August in seinem Kalender notieren sollte.  Hervorzuheben ist wirklich die tolle Organisation des Festivals an sich und  die vielen freiwilligen und freundlichen Helfer, die wirklich in beeindruckender Weise Jahr für Jahr dazu beitragen, das Festival für seine Besucher  zu einem tollen und eindrucksvollen Erlebnis werden zu lassen.
Ich habe es gespürt, dieses besondere Tonder-feeling….

c)sf2009 

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