
Eine Klangkathedrale über dem Meer
Robert Bellsolàs
Film „Brasil somos nos“ über
Carlos Núñez’ Reise nach Brasilien
Der galicische Dudelsackspieler und Flötist Carlos Núñez ist seit seinem ersten Album 1996 „The Brotherhood of Stars“ („A Irmandade das Estrelas“) dafür bekannt, dass er abseits der ausgetretenen Wege nach alten Melodien keltischer Musik sucht, sie neu arrangiert und gemeinsam mit anderen namhaften Musikern interpretiert. Seine unermüdliche Suche nach kulturellen und musikalischen Querverbindungen führte ihn bereits entlang der europäischen Westküste und nach Andalusien. Für sein jüngstes Album, „Alborada do Brasil“ (2009), fuhr er nach Brasilien, wo man zunächst keine Spuren keltischer Musik vermutet.
Anlass der Reise war diesmal jedoch mehr als nur der musikalische Entdeckungsdrang: Carlos Núñez’ Urgroßvater José María, ebenfalls Musiker, war um die Wende des vergangenen Jahrhunderts auf der Suche nach Brot und Arbeit nach Brasilien ausgewandert. Seine Familie ließ er in der Heimat zurück. Dort erzählte man sich über Jahrzehnte, dass dieser Urgroßvater in Brasilien ermordet worden sei, entweder aus Eifersucht auf seine musikalischen Erfolge oder wegen einer Frauengeschichte.
Carlos Núñez, der hinter dieser Legende immer eine andere Wahrheit vermutet hatte, machte sich vor vier Jahren mit seinen beiden Geschwistern Helena und Xurxo auf die mühsame Suche nach diesem Urgroßvater. Ob sie den Ahnen tatsächlich aufspüren würden, war beim Aufbruch zu dieser Reise ungewiss, ob sich dabei der Stoff für ein neues Album entwickeln und sogar ein Dokumentarfilm über diese Arbeit finanzieren ließe ebenso. Das Ergebnis überrascht nicht nur mit einem von der internationalen Kritik gefeierten Album, sondern auch mit musikgeschichtlichen Entdeckungen, die Carlos Núñez erneut zum Brückenbauer zwischen den Kulturen machen.
Der Film „Brasil somos nos“ (galicisch: „Brasilien sind wir“) dokumentiert dieses Stöbern in der Familienvergangenheit, das im galicischen Hinterland von Ourense begann, Carlos Núñez in die Tiefen zahlreicher Archive in den brasilianischen Metropolen führte und ihm viele Begegnungen mit Historikern, Schriftstellern, Musikern und galicischstämmigen Brasilianern bescherte. Dabei wird deutlich, dass der Urgroßvater nur einer von vielen galicischen Emigranten war, die ihre kulturellen Wurzeln mit über den Atlantik nahmen, die in einem großen Schmelztiegel Teil der brasilianischen Identität wurden. Das Schicksal von José María Núñez klingt heute zwar erstaunlich, war aber gar nicht unüblich: Er begann in der Fremde ein neues Leben.
Ungewöhnlich an seiner Biographie hingegen ist, dass dieser Urgroßvater für einen ausgewanderten Musiker in der damaligen Szene schnell beträchtlichen Erfolg hatte. Das zeigt sich exemplarisch durch eine Aufnahme seines Tanzstücks „Maxixe aristocrático“, das heute unter dem Titel „Maxixe de ferro“ vom Urenkel neu arrangiert auf der „Alborada do Brasil“ zu hören ist. Es macht den Zauber des Films aus, dass wir Zeugen werden, wie aus dem Fund einer vergilbten Schellackplatte in einem Archiv, über Gespräche mit anderen Musikern und über das Herumprobieren auf verschiedenen Instrumenten Schritt für Schritt Synergien freigelegt werden und ein innovativer Klang entsteht, der eben nicht allein das Werk eines begabten, von der Muse geküssten Weltstars ist.
Dem katalanischen Regisseur Robert Bellsolà gelingt es, dieser ausgedehnten Brasilienreise im Nachhinein ein Korsett zu verleihen, in dem die spannende Suche nach dem Urgroßvater angemessen Platz findet neben zeit- und kulturgeschichtlichen Hintergründen und Jam-Sessions mit brasilianischen Musikern wie Lenine, Fernanda Takai oder Carlinhos Brown, bei denen sukzessive neue Musik aus altem Stoff entstand. Durch viele Interviews, die die mannigfaltigen, aber nicht unbedingt offensichtlichen Verbindungen zwischen Galicien und Brasilien beleuchten, sowie durch die Einblicke in die Recherche nach dem Ahnen, die von der Suche auf Friedhöfen bis hin zu Analysen in der forensischen Anthropologie reicht, ist „Brasil somos nos“ kein übliches „Making of“. Es gleicht eher einem im Nachhinein überarbeiteten Reisetagebuch in bewegten und vor allem vertonten Bildern.
Protagonist dieses Dokumentarfilms ist so auch nicht Carlos Núñez, der als gefeierter Meister des Dudelsacks häufig im Rampenlicht steht, sondern die Musik selbst, deren Entwicklung sich nicht auf dem Weg über den Atlantik bremsen lässt. Der Austausch zwischen den Musikern zeigt, wie in Brasilien alte keltische Melodien mit neuer Instrumentierung fortleben, wie sich europäische mit afrikanischen Rhythmen mischten und zu etwas Neuem verschmolzen. Carlos Núñez vergleicht diesen über Jahrhunderte währenden Veränderungsprozess mit dem Bau einer Kathedrale, die durch ihre Fundamente immer in der Vergangenheit wurzelt und der jede Generation weitere Facetten hinzufügt, die zwar ihr Gesicht, jedoch nicht ihr Wesen verändern.
Zu einer Einheit wird der schnell und sehr rhythmisch geschnittene Film einerseits durch die zusammenfassenden Off-Voice-Erläuterungen des Regisseurs, die einen Blick auf das Mosaik mit dem notwendigen Abstand gewähren. Andererseits aber bildet auch hier die Musik den roten Faden: Xurxo Núñez, Perkussionist in der Band seines Bruders, stellt auf dem Soundtrack die Entdeckungen auf der Straße, in privaten Wohnzimmern oder in Kneipen und das allmähliche Herantasten an Melodie, Rhythmus und die passende Instrumentierung den minutiös abgemischten Aufnahmen des Albums gegenüber. So wird dem Zuschauer deutlich, dass die „Alborada do Brasil“ ein Meisterstück feinsinnigen Musikhandwerks ist – und nur die atemberaubend schöne akustische Spitze eines längst noch nicht erforschten Eisbergs.
Beiläufig belehrt der Film diejenigen eines Besseren, die Brasilien auf hüftschwingenden Karneval reduzieren. Er macht Hoffnung, dass andere Musiker dem transatlantischen Brückenschlag von Carlos Núñez folgen. Die Premiere von „Brasil somos nos“ fand im März 2011 beim Play-Doc-Festival im galicischen Tui statt. Die kleine Festungsstadt liegt am Río Miño, dem Grenzfluss zwischen Galicien und Portugal, dem anderen, größeren europäischen Mutterland Brasiliens. Wie durch den gesamten Film hinweg bewegen sich hier Portugiesisch, Galicisch und Spanisch wie selbstverständlich nebeneinander. Und die Expedition kehrt mit reichen Erfahrungen an ihren Ausgangsort zurück.
© Julia Charlotte Brauch,
Reutlingen, 14.09.2011