Alborada do Brasil
 

    Wer  wissen möchte, wie der Dudelsack nach Brasilien kam, kann hier mehr erfahren....

The new king of the Celts

CARLOS NÚÑEZ

Die internationale Presse hat Carlos Núñez mit vielen außergewöhnlichen Formulierungen bedacht: „Jimmy Hendrix of the bagpipes", „new king of the Celts" oder „seine Majestät der Dudelsack". Egal ob der Meister seine Gaïta, Tin Whistle oder Blockflöte zur Hand nimmt, er wird mit dem ersten Ton die Zuhörer in seinen Bann schlagen und verzaubern. Wenn heutzutage ein Blasmusiker in der Lage ist, Assoziationen an den Rattenfänger von Hameln zu wecken, dann der Tausendsassa aus Galizien. Seine CD-Verkäufe sprechen eine deutliche Sprache: Über zwei Millionen seiner Tonträger gingen weltweit über die Laden-theken und wurden von Menschen gekauft, die sowohl keltische Musik, Flamenco, Pop, Klassik, Film- und Weltmusik lieben. Sollte je ein Friedensnobelpreis für die Aussöhnung von Kulturen und Musikströmungen verliehen werden, Carlos Núñez wäre ein ehrenvoller Kandidat. Er hat Folk mit Klassik und die keltische Musik Nordspaniens mit dem Flamenco des Südens versöhnt. Aktuell ist er dabei, die Musik der ehemaligen portugiesischen Kolonie Brasilien und der seiner Eroberer an einen großen runden Tisch zu bringen. Und an diesem Runden Tisch sitzt berechtigterweise seine Heimat Galizien.

Warum denn Galizien? In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen. Carlos‘ Heimat Galizien grenzt an Portugal und Galizisch und Portugiesisch ist sich sehr ähnlich. Kommunikation untereinander ist also kein Problem. Mit den portugiesischen Entdeckern und Eroberern kamen viele Galizier nach Brasilien. Darunter auch der Urgroßvater, der in der Núñez-Familie bis dato der einzige Musiker war. Zunächst ging es darum, die Spur des verschollenen Urgroßvaters zu finden. Dabei gab es aber überraschende Entdeckungen als Nebenprodukt. Die Musik der galizischen Auswanderer hat sich mit den südamerikanischen Rhythmen und Harmonien vermischt. Die Melodien sind noch klar erkennbar, aber sie klingen aufregend exotisch. Also kein Problem für die Stars der brasilianischen Weltmusik, sich in die Musik von Carlos schnell einzufinden und ihn auf seinem neuen Album „Alborada do Brasil" zu begleiten.

Mit diesem Projekt tritt Carlos in die Fußstapfen seiner großen spanischen Landsleute wie Christoph Columbus und ist fast drei Jahre lang auf musikalische Entdeckungsreise Richtung Brasilien entschwunden. Jetzt ist er mit großen musikalischen Offenbarungen und dem neuen Album zurück. Der Detail besessene Meister ist dabei mal wieder aufs Ganze gegangen, um ein Konzeptalbum zu schaffen, dass sich an seinen bisherigen Erfolgen messen lassen kann wie z. B: 6 Wochen Nummer 1 der spanischen Charts, Grammy der Weltmusik, beste DVD des Jahres bei den spanischen Music Awards oder auch die Filmmusik zu dem Film „Das Meer in mir", der mit dreizehn Goyas, zwei Golden Globes und einem Oscar ausgezeichnet worden ist.

Zunächst zu den musikalischen Entdeckungen. Diese sind so umfassend, dass sie das Volumen einer Doktorarbeit haben. Wir versuchen die Forschungsergebnisse hier auf ein paar Kernsätze zu begrenzen. Wer aber die ganze Story wissen will, dem wird die Lektüre des zusätzlichen Presseinfos „Fabeln, Fakten, Forschung" empfohlen.

Auf seiner Brasilien-Reise findet Carlos in einer Kirche die geschnitzte Skulptur eines Gaïta spielenden Indios. Auf einem mittelalterlichen Stich über die Entdeckung Brasiliens im Jahre 1500 durch Pedro Alvarez Cabral sieht man ein Dudelsackspieler, der allen voran auf die verblüfften Indios zugeht. Und woher kommt überhaupt der Name Brasilien? Auch darauf gibt Carlos eine Antwort. Aus dem Irischen! Wie denn das? In der irischen Mythologie wird ein Land weit vor der Westküste, wo Milch und Honig fließen und ewiger Frühling herrscht, als Hy-Brassil beschrieben.

Mit „Alborada do Brasil" lässt Carlos Núñez nicht nur geschichtlich, sondern auch musikalisch die Katze aus dem Sack und verblüfft die Welt mit einem atemberaubenden Mix aus keltischer und brasilianischer Musik. Es ist faszinierend wie homogen dies zusammengeht. Es fügt sich genau so gut zusammen, wie wenn Brasilianer und Spanier zusammen Fußball spielen.

 

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CelticBrazil

Fakten, Forschung, Fabeln

 

Die folgende Geschichte mag sich für manche nach einem Märchen, für andere nach aufregender Forschung anhören. So viel sei hier versprochen: man wird so oder so bestens unterhalten werden. Denn das, was hier folgt, ist der Stoff aus dem Legenden sind. Und an Legenden ist bekanntlich auch vieles wahr.

Carlos Núñez, der galizische Dudelsackspieler, wird international als einer der großen Impulsgeber und Interpreten der internationalen keltischen Musikszene gewürdigt. Er ist durch und durch Galizier aber auch Weltmusiker. Galizien wird allgemein als die siebte keltische Provinz bezeichnet und liegt an der Atlantikküste im Nordwesten Spaniens. Interessanterweise gab es in der Núñez-Familie bereits vor Carlos einen professionellen Musiker. Es war der Urgroßvater und dieser wanderte 1904 nach Brasilien aus. Ziemlich genau 100 Jahre später macht sich Carlos auf den Weg nach Brasilien, um nach den Spuren des Urgroßvaters zu suchen.

Laut der Überlieferung der Familie wird erzählt, dass der Großvater von einem anderen eifersüchtigen Musiker getötet worden ist, aber mehr weiß man über sein Brasilien-Abenteuer auch nicht. Carlos vermutet, dass er eher ein neues Leben unter einer neuen Identität begonnen hat, wie es auch viele seiner Landsleute taten. Nach drei Jahren auf Spurensuche kreuz und quer durch Brasilien hat er die Spur eines Musikers in Rio de Janeiro ausfindig gemacht, der in der „Belle Époque" erfolgreich war und der vielleicht der Urgroßvater sein könnte. Aber wichtiger ist, dass Carlos auf seiner Suche ein Land kennen und schätzen gelernt hat, das viele alte und immer noch starke Bande mit Galizien und der keltischen Kultur hat.

Schon der Name Brasilien muss eine keltische Wurzel haben! Wie denn sonst konnten die portugiesischen Entdecker das neue Land so getauft haben, wenn sie nicht die irische Mythologie und die Sage von „Tir na nÓg" gekannt hätten? In dieser Sage wird ein Land weit vor der irischen Westküste, wo Milch und Honig fließen und ewiger Frühling herrscht, als Hy-Brassil beschrieben. Irische Mönche wie der heilige St. Brendan sollen laut alten Kirchenschriften schon lange vor den Portugiesen nach Brasilien gesegelt sein. Zudem ist in Irland der Familienname „Brazil" gebräuchlich und es gibt auch Ortsnamen wie z.B. Clanbrassil. Der irische Rebell, Schriftsteller und Weltreisende Roger Casement hat zu der Verbindung Irland – Brasilien schon im Jahre 1900 geforscht, als er den Amazonas, Bahia und Rio de Janeiro bereiste. Leider wurden aber die Geschichtsbücher von der Kolonialmacht England geschrieben und all diese Informationen wurden lange unterdrückt und werden jetzt endlich nach und nach ins richtige Licht gerückt.1

Als ein weiterer Beweis kann auch eine Legende über den König Arthur angeführt werden. Es wird erzählt, dass seine Schwester Morgain ihn auf eine Insel namens Brasil gebracht hat. Diese Insel, die 25 „Leagues" vom „Kap Longaneas" an der irischen Westküste entfernt sein soll, wurde von Morgain dahingehend verhext, dass kein Schiff sie finden konnte. Wie man das macht, hat sie vom Zauberer Merlin gelernt. So konnten sie und Arthur dort sicher sein.2

Die so genannten „atlantischen Legenden", die an allen europäischen Küsten des Atlantiks schon in der Wiege den künftigen Matrosen erzählt wurden, die Brasilien entdeckt haben, beinhalten also das keltisch geprägte Wort „Brazil". Keltisch geprägt ist auch das erste Instrument, das die brasilianischen Eingeborenen beim Kontakt mit den Entdeckern zu Gehör bekamen. Gemäß dem ersten Brief, den die Portugiesen an deren König nach der Entdeckung Brasiliens geschrieben haben, wird ein Dudelsack erwähnt.

Kenner der Materie werden aber nicht den Dudelsack mit Portugiesen, sondern mit deren nördlichen Nachbarn aus Galizien in Verbindung bringen. An dieser Stelle sollte daher kurz erwähnt werden, dass Galizien und Portugal einst zwei Provinzen eines mittelalterlichen Königreichs namens Gallaecia waren. Dessen Grenzen wurden über Jahrhunderte mehrfach verändert. Die meiste Zeit aber war die Grenze im Gebiet von Coimbra. Alles südlich davon wurde als Portugal bezeichnet.

Der Name Gallaecia rührt von einem keltischen Stamm, der im Gebiet von Porto lebte, der dafür bekannt wurde, dass er sich so vehement gegen die Römer wehrte. Einige Gelehrte behaupten, dass das Wort Portugal auf „the port of the Galicians" zurückzuführen ist. Das ganze Gebiet im Nordwesten der iberischen Halbinsel war von den „Galliern" verwandten Stämmen bevölkert, die seit Menschengedenken rege Handelsbeziehungen zu anderen keltischen Gebieten an den Küsten des Atlantiks unterhielten.

Im zwölften Jahrhundert trennten sich die Provinzen des Königreiches von Gallaecia – also Galizien und Portugal. Die südliche Provinz begann von den Muslimen Land zurückzugewinnen, die sich seit Jahrhunderten im Süden festgesetzt haben. Im 13. Jahrhundert kämpfte man sich bis an die Algarve vor und damit bildete sich das Gebiet heraus, das dem heutigen Portugal ziemlich entspricht. Das in der nördlichen Hälfte von Gallaecia liegende Galizien wurde ein Teil Kastiliens und später Spaniens.

Obwohl beide Provinzen politisch getrennt waren, blieb jedoch deren Kultur und Sprache bis zum 15. Jahrhundert identisch. In der Tat gab es im Mittelalter eine breite poetische und musikalische Bewegung namens „Cantigas", die eine Verbindung zu der Wallfahrt nach Santiago de Compostela, der heutigen Hauptstadt Galiziens, hatte und in alt Galizisch-Portugiesisch verfasst war. Diese Lieder werden als die Hochblüte der iberischen Literatur im Mittelalter betrachtet. Ja sogar in Kastilien. Interessanterweise wurden dort z.B. Gesetze in Kastilisch abgefasst, aber der Poesie war alt Galizisch-Portugiesisch vorbehalten.

Das Portugal wie wir es heute kennen, ist wesentlich von Lissabon im Süden und seinen ehemaligen Kolonien in Übersee geprägt. Aber aufgepasst! Hier schließt sich der Kreis. Als die Portugiesen Brasilien entdeckt haben, brachten sie mit an Bord eine ganze Menge ihrer damals nördlichen „Galizischen" Kultur. Also z.B. die Gaïta, den galizischen Dudelsack. Mit diesem Wissen ausgestattet, wird man es doch nicht so ungewöhnlich finden, dass das erste Instrument, das die Indios zu Gehör bekamen, ein Dudelsack war.

Daher ist es auch nicht überraschend, dass das in Brasilien gesprochene Portugiesisch mehr dem Galizischen ähnelt als dem in Portugal gesprochenen Portugiesisch. Offiziell gibt es zwei Sprachen. Galizisch und Portugiesisch. Einige Wissenschaftler jedoch gehen von drei aus und führen das Brasilianisch an; andere dagegen sagen, dass alle Sprachen eigentlich ein und dieselbe sind. Tatsache ist aber, dass das in Brasilien gesprochene Portugiesisch dem uralten Galizisch-Portugiesisch am nächsten kommt. Das heutige Galizisch wurde kräftig mit Spanisch vermischt und das Portugiesisch von heute hat in seiner Evolution unter Dialekten gelitten, wie sie im Süden des Landes rund um Lissabon gesprochen werden. Das ging zu Lasten der Dialekte im Norden.

In Brasilien hält sich interessanterweise eine Erinnerung und Hingabe an Traditionen des Mittelalters beharrlich am Leben. Das mag für Außerstehende zunächst sehr überraschend sein, die das Land zunächst mit dem Portugal der Renaissance in Verbindung bringen und dann mit den Überlagerungen von anderen europäischen und vor allem afrikanischen Kulturen und Einflüssen. Doch in Brasilien halten sich viele mittelalterliche Folklore-Aspekte am Leben und das Land ist auch eine große Quelle an Inspiration für das moderne Wallfahren auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Dabei wissen die meisten Brasilianer nicht einmal, dass Santiago in Galizien liegt und damit auch ein Teil ihrer eigenen Kultur ist.

Das hier Erzählte mag sich für den einen oder anderen sehr bizarr oder sogar nach einem Märchen anhören und dafür gibt es auch gute Gründe. Portugal und Spanien waren Jahrhundertelang Supermächte im Wettstreit um Kolonien und daher nicht interessiert, gemeinsame Wurzeln hervorzuheben. Im Gegensatz zu heute war Galizien damals als das natürliche Bindeglied eine Last. Heute ist dem ganz anders. Galizien wird gerne als eine Brücke zwischen beiden Ländern gesehen und wird auch seine Rolle in der Beziehung zu Brasilien spielen.

Das gilt auch für Musik einiger Regionen Brasiliens. Insbesondere der Regionen im Inneren des Landes, die außerhalb kaum bekannt sind, obwohl sie Musik hervorbringen, die in Brasilien der Renner ist wie z.B. der „forró" aus dem Nordosten, der von nicht Einheimischen oft als „folk" bezeichnet wird, weil er sich von den anderen Stereotypen brasilianischer Musik unterscheidet. Dazu wird auch oft „sertaneja" und „caipira" als „country" bezeichnet. Alle großen brasilianischen Künstler wie Jobim, Caetano Veloso, Milton Nascimento, Gilberto Gil haben davon ihre Adaptionen geschrieben, die sich für unsere Ohren sogar verwandt anhören zu dem, was wir „Latino-Celts" von der iberischen Halbinsel geläufig als keltische Musik bezeichnen.

Von dieser Musik wird gesagt, dass sie eine europäische Wurzel habe. Man ist der Meinung, sie sei iberischer Natur, weil man das Attribut „portugiesisch" vermeiden will und dabei nicht weiß, dass man sie guten Gewissens „galizisch-portugiesisch" nennen könnte. Ohne dass es den meisten Menschen in Brasilien und Galizien bewusst wäre, haben einige der wichtigsten brasilianischen Gelehrten seit dem 19. Jahrhundert Galizien aufgesucht und die gemeinsamen Wurzeln erforscht: Varnhagem, Celso Cunha ... oder sogar die Modernisten, von denen einige überraschenderweise Gedichte in der Tradition der Troubadoure verfasst haben, wie z.B. der große Manuel Bandeira, Mario de Andrade, or Guilherme de Almeida.

Das sind also die geschichtlichen Zusammenhänge und Ideen, die Carlos Núñez zum „Alborada do Brasil"-Album inspiriert haben und eine Hoffnung auf weiteren künstlerischen Austausch zwischen den beteiligten Ländern in der Zukunft nähren.

1 Mitchell, Angus (ed.), ‚Roger Casement‘s Hy-Brassil: Irish origins of Brazil‘ in „Irish Migration Studies in Latin America" (2006).
2 Lope García de Salazar (1399–1476) + Magnetic Music Verlag 2010                                                                                     

Das Pressematerial wurde freundlicherweise von Magnetic-Music zur Verfügung gestellt      

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